Bilder von der Hausmesse zur 25. Hungertuchwallfahrt in Aachen

 

Ehrung der HTW’lerInnen

 

„Wir wollen mehr tun, als nur Sprüche klopfen“

 

Da sitzen bei einer Geburtstagsfeier am 1.2. 1985 einige Männer im besten Mannesalter beisammen. Sie verbindet – neben dem Geburtstagskind – ihr Engagement in ihrer Heimatpfarre St. Heinrich in Hannover. Und ihr Interesse für die Dritte Welt.

Sie haben erfahren, dass die Misereor-Fastenaktion 1986 in ihrem Bistum eröffnet wird. Für den Samstagabend ist im Hildesheimer Dom der Gottesdienst geplant, am Sonntagmorgen soll in der etwa 40 Kilometer entfernten Landeshauptstadt Hannover der Festakt stattfinden.

Es gibt ein neues Hungertuch, gestaltet von Frauen aus der Gemeinde Santiago de Pupuja in Peru. „Gemeinsam den Weg der Hoffnung gehen“ – so soll das das Leitwort der Fastenaktion lauten.

Ein Wort gibt das andere und dann steht die Idee im Raum: Wir nehmen das Leitwort wörtlich und tragen nachts das Hungertuch von Hildesheim nach Hannover!

Gesagt – getan. Rund 60 Personen machen sich am 15.2. abends auf und begleiten zu Fuß das Hungertuch nach Hannover.

Und „nach der Eröffnung der Fastenaktion blieb das Hungertuch in der St. Heinrich-Gemeinde in Hannover. Dort fühlten wir uns dafür verantwortlich, es nicht nur als Raumschmuck in unserem Pfarrheim hängen zu lassen. So stand für uns sehr bald fest, dass wir das Hungertuch zur Eröffnung der Fastenaktion 1987 nach Mannheim bringen wollten.“[1]

Über diesen Weg von Hildesheim nach Mannheim im Jahr 1987 – etwa 480 Kilometer – gäbe es ganz viel zu berichten. Ich zitiere aus der Waldeckschen Landeszeitung vom 5. März 1987: „Mühsam hält Markus während seines ‚frommen Pilgermarsches’ durch Korbachs Wälder einen kernigen Satz zurück, als er wieder mal einen vereisten Abhang hinunterrutscht und in stockdunkler Nacht an einem Baum unsanften Halt findet. Annette ‚unterwindet’ zum x-ten Male im Schlangengang eine über den Waldweg gestürzte Baumgruppe. Der einheimische Begleiter an der Spitze der achtköpfigen Crew hat sich inzwischen unsanft an einem Stacheldrahtzaun ‚orientiert’ – und überwindet ihn kopfüber durch einen Sturz in den verharschten Schnee.“[2] Ich erinnere mich gut – ich war erst Samstagmorgen zusammen mit Alfredo Ruppert zu der Gruppe gestoßen –, wie kaputt die Teilnehmer der Wallfahrt waren, als sie Sonntagmorgen in Mannheim eintrafen.

Und von Mannheim ging es in den folgenden Jahren weiter: nach Limburg, nach Aachen, nach Speyer usw.

Onno Meyer-Bürger schreibt in der Rückschau: „Wenn mir jemand vor 25 Jahren gesagt hätte, dass eine Idee von einigen verrückten Hannoveranern sich zu einer regelmäßigen und lebendigen Aktion des Hilfswerkes Misereor entwickeln könnte – ich hätte einen Lachanfall bekommen. Wenn wir daran gedacht hätten, dass unsere Nachtwallfahrt durch die zufällige Teilung der Eröffnungsveranstaltungen in Bischofsstadt Hildesheim und Landeshauptstadt Hannover als ‚Wurzel’ sein würde für eine langjährige Tradition –die Reaktion wäre genauso wie vorher gewesen. Wir wollten Aufmerksamkeit erregen, Bewusstsein schaffen gegenüber all der Oberflächlichkeit, die wir gegenüber Glauben und Solidarität schon damals spürten.“[3]

Dass aus der „verrückten Idee“ Wirklichkeit wurde – das ist ganz vielen Leuten zu verdanken. Ich denke an Onno Meyer-Bürger, der von Anfang an die Idee mit entwickelt und getragen hat, zunächst als Pastoralreferent in St. Heinrich Hannover, später in Bremen. Er war ganz konsequent in der Auseinandersetzung mit der Lebenswirklichkeit der Menschen in Bolivien und arbeitet mittlerweile seit 20 Jahren dort. Ich denke an Georg Poddig, der zunächst als Pastoralassistent, dann als Missio-Referent in Hildesheim den Anfang mitgestaltet hat und bis heute Freund und Förderer der Wallfahrt ist. Und nicht zu vergessen: Adelheid Fritsch, als Sekretärin im Ordinariat an seiner Seite, die im Hintergrund vieles möglich gemacht hat.

Ich denke an all die vielen, die im Lauf der 24 Jahre mitgepilgert sind – die ganze Wallfahrt oder eine Teilstrecke. An die vielen, die vor Ort organisiert haben, damit (zumindest fast) immer Quartier und Verpflegung vorbereitet waren. Die uns begleitet haben als Pfadfinder oder Wegweiser oder als Polizisten zu unserer Sicherheit.

Einige von ihnen sind heute hier bei uns. Stellvertretend für die vielen Unbekannten oder Unbenannten sollen sie mit der Silbernen Misereor-Ehrennadel ausgezeichnet werden, wobei die Reihenfolge beliebig ist und keinerlei Rangfolge darstellt.

(Peter Hey)               In der Gruppe B der Wallfahrt von Hildesheim nach Mannheim war er mit 43 Jahren der „Senior“ – so war Im Bonifatiusboten 1987 zu lesen: Peter Hey. Er war – zusammen mit Bernward Holze, Peter Koch, Paulchen Schwenzer, Markus Tute – Gründungsmitglied und tatsächlich Teilnehmer an allen 25 Wallfahrten.

(Steffi Spiegel)         Ganz den Genderkriterien unseres Hauses entspricht die Auswahl nicht (ich bin daran unschuldig; es waren zwei Frauen, die die Liste erstellt haben). Aber sie steht als engagierte Wallfahrerin stellvertretend für die Leute der mittleren Altersschicht, die sich – obwohl sie im Beruf stehen – die Zeit nehmen, um mit auf die Wallfahrt zu gehen: Steffi Spiegel.

(Jonas Tute)             Ursprünglich war es ja mal eine Wallfahrt, die eher unter dem Stichwort „Jugend“ lief; das hat sich – kritisch zugegeben – leider verändert. Trotzdem ist es uns immer wieder gelungen, auch jüngere mit in den Bann zu ziehen. Für sie steht der Folgende. Sein Vater Markus war ebenfalls Gründungsmitglied und lange Zeit sehr aktiv in Vorbereitung und Organisation, seine Mutter Marina mehrfach Teilnehmerin; was blieb dem Sohn anderes übrig, als ebenfalls mitzumachen! Er vertritt hier bereits die zweite Generation der Wallfahrer, aber vor allem auch die Jugendlichen, die bei der Wallfahrt mitgehen und sie hoffentlich weiterführen: Jonas Tute.

(Andreas Holzapfel)         In dem bereits zitierten Bonifatiusboten werden auch die beiden „Benjamine“ der Gruppe B genannt: Andreas mit 15 Jahren und Matthias als 14-jähriger. „’Ich wollte halt mal sehen, wie das ist, so lange zu Fuß unterwegs zu sein’, gesteht Andreas. Und Matthias ergänzt, dass so ein Katechet in der Dritten Welt ja tatsächlich etwa die gleiche Zeit zu Fuß unterwegs ist, um seine Gemeinden zu erreichen.’“[4] Beide sind seit der ersten Wallfahrt dabei; inzwischen ist Andreas Holzapfel zuständig für die Streckenauswahl, ist engagierter Gruppenleiter und sorgt hinterher für die Dokumentation.

 Udo Stöckl               Bei der ersten Wallfahrt, an der ich teilnahm, waren wir froh, dass ich wenigstens meine Straßenkarte bei mir hatte. Heute ist das anders. Als langjähriger Wallfahrer und Gruppenleiter organisiert er Karten und Strecken. Er steht hier stellvertretend für alle Gruppenleiter und Gruppenleiterinnen, die sich engagiert um ihre Gruppen kümmern: Udo Stöckl.

(Karl-Heinz Grebe) Noch ein Kandidat, der zwar nicht von Anfang an dabei ist, aber auch schon recht lange. Auch er ist verdienter Gruppenleiter; darüber hinaus hat er seit vielen Jahre am Wallfahrtsheft mitgearbeitet und war auch schon mal bereit – wenn Not am Mann war (z.B. als ich unterwegs wegen Krankheit ausfiel) – spontan die Leitung der Wallfahrt zu übernehmen: Kalla Grebe.

 

Lasst mich zum Abschluss noch etwas dazu sagen, was für mich die Bedeutung der HTW ausmacht. Ich habe oft gesagt: Es geht nicht um sportlichen Ehrgeiz; wir demonstrieren für eine Idee. In dem Einleitungstext von Steffi Spiegel ist das sehr gut zum Ausdruck gekommen; besser könnte ich es auch nicht sagen. In einem Bericht über das 12. Treffen der brasilianischen Basisgemeinden fand ich eine sehr schöne Aussage: Die Basisgemeinden „waren auch ein Stück einer real praktizierten Option für die Armen… Und das sind sie bis heute geblieben, auch wenn sie – wie viele andere Lebensformen von Kirche – als Teil des pilgernden Gottesvolkes manchmal nur langsam, hinkend und auch an vielen Widerständen scheiternd unterwegs sind.“ [5]

Ich wünsche Euch, dass Ihr in diesem Sinne – wenn auch langsam und hinkend – noch viele Jahre als Lebensform von Kirche für die Armen dieser Welt unterwegs seid!

 

Aachen, den 15. Januar 2010, Heiner Grysar


 

[1] Dokumentation zur Misereor-Hungertuchwallfahrt 1987, S. 14

[2] A.a.O.,  S. 66

[3] Brief vom X.12.2009

[4] Bonifatiusbote 22.3.87, zitiert nach Dokumentation 1987, S. 67

[5] Orientierung 73 (1009), S. 258

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